Neue Episode

Shownotes

00000861 00000821 0000D137 0000CCF0 000DC8C6 000DC8C6 00007E86 00007E86 000A51F0 000A509C

Transkript anzeigen

RedHotChillyJupp geht heute zum zweiten Mal auf Sendung unter dem Motto: – Büchertürme – Trutzburgen gegen Rechts

Der heutige Podcast steht unter der Patenschaft von Carl Zuckmayer und Erich Kästner

Vor wenigen Wochen haben wir in Güls unser traditionelles Blütenfest gefeiert. Der Plan, auf dem die Bühne stand, platzte an allen Tagen aus den Nähten. Und es sind nicht nur Eingeborene, wie Jonas Spurzem, der – zuletzt mit einer kleinen Kolumne im Koblenzer Stadtmagazin – betont, dass man sich überaus glücklich schätzen könne, dort leben und arbeiten zu dürfen, wo andere Urlaub machen. Jonas, der mit seinen Heimatfreunden in Güls nicht nur Heimatverbundenheit verkörpert, sondern dieser Heimatverbundenheit mit seinen MitstreiterInnen durch praktisches Handeln auch eine eindrucksvolle Gestalt verleiht – siehe das erwähnte Blütenfest oder das inzwischen etablierte Heyerbergfest – beschreibt ein Privileg, das viele nachvollziehen können, die hier leben; auch und gerade, wenn sie zugezogen sind: Jonas Spurzem spricht gleichzeitig von einem Koblenz-bezogenen Großstädtchen-Gefühl und einer nahezu noch dörflichen Gemeinschaft in Güls, wo „man sich eben kennt“; wo alle dazu gehören, die dazu gehören wollen, wo eine Vielzahl von Vereinen (unter dem Dach des Ortsrings) immer wieder an einem Strick ziehen, wenn es darum geht, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Dazu gehören inzwischen der Wochenmarkt, der Dorfflohmarkt oder der Adventsbasar.

Aber es ist eben noch ein wenig mehr, wenn man vom Rhein und von der Mosel kommt, wenn man die Menschen als weltoffen und gesellig erlebt, wenn man – wie Jonas Spurzem auch die Geschichte – unsere Geschichte - erwähnt. Auf unsere Geschichte kann man sich allerdings auf redliche und ehrliche Weise nicht besinnen, ohne die dunkelste Epoche in unserer jüngeren Geschichte aus dem Blick zu verlieren. Lassen wir uns heute begleiten von zwei der ganz Großen in der neueren deutschen Literatur – von Carl Zuckmayer und von Erich Kästner.

Da ist zuerst einmal Carl Zuckmayer, der uns daran erinnert – gerade uns, die wir aus der wunderschönen und einzigen Stadt an Rhein und Mosel kommen: In Des Teufels General – 1944 im Exil geschrieben (und mit Curd Jürgens und der jungen Marianne Koch in den Hauptrollen verfilmt) versucht General Harras dem jungen Leutnant Hartmann den Kopf zu waschen. Der hat ein Problem mit seiner Ahnentafel. Seine Familie kommt nämlich vom Rhein. Aber eine seiner Urgroßmütter ist „unbestimmbar – sie scheint vom Ausland gekommen zu sein“, wie Hartmann General Harras zerknirscht mitteilt.

Was nun folgt, gleicht sozusagen einer Huldigung dem Rhein und unserer Herkunft als Rheinländer gegenüber: General Harras spricht vom Rhein, „der großen Völkermühle“, wie er ihn nennt. Er entwirft eine Genealogie, die in der pathosgeschwängerten Homage endet: „Vom Rhein – das heißt: vom Abendland. Das ist natürlicher Adel. Das ist Rasse. Seien Sie stolz darauf, Hartmann – und hängen sie die Papiere Ihrer Großmutter in den Abtritt. Prost!“

Lasst uns noch einmal gemeinsam anhören, worauf dieser „natürliche Adel“ beruht? Carl Zuckmayer spricht hier vor allem zu den Biodeutschen von der A f D (mit Erstwohnsitz in der Schweiz)! General Harras schwört den jungen, zerknirschten Leutnant Hartmann, der seine Verbindung mit dem Fräulein von Mohrungen wegen der Unregelmäßigkeiten in seiner Ahnentafel gefährdet sieht, auf seine eigene adelige Herkunft ein:

„Denken Sie doch – was kann da nicht alles vorgekommen sein in einer alten Familie. Vom Rhein – noch dazu. Vom Rhein. Von der großen Völkermühle. Von der Kelter Europas. Und jetzt stellen Sie sich doch mal Ihre Ahnenreihe vor – seit Christi Geburt. Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie ne reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. – Und dann kam ein griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, ein Schwarzwälder Flözer, ein wandernder Müllerbursch vom Elsaß, ein dicker Schiffer aus Holland, ein Magyar, ein Pandur, ein Offizier aus Wien, ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant – das alles hat am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt – und – und der Goethe, der kam aus demselben Topf, und der Beethoven, und der Gutenberg, und der Matthias Grünewald, und – ach, was, schau im Lexikon nach. Es waren die Besten, mein Lieber! Die Besten der Welt! Und warum? Weil sich die Völker dort vermischt haben. Vermischt – wie die Wasser aus Quellen und Bächen und Flüssen, damit sie zu einem großen, lebendigen Strom zusammenrinnen. Vom Rhein – das heißt: Vom Abendland. Das ist natürlicher Adel. Das ist Rasse. Seien Sie stolz darauf, Hartmann – und hängen Sie die Papier Ihrer Großmutter in den Abtritt.“

In Güls – dessen 1250-Jahr-Feier wir im letzten Jahr begangen haben, wissen wir das. Deshalb hat die Alternative für die Dummen in Güls auch bei den Landtagswahlen im Februar auch eines der schlechtesten Wahlergebnisse verbuchen müssen – und trotzdem war auch hier jede Stimme für die AfD eine Stimme zu viel.

Und nun stehe ich hier – mitten in Güls – auf dem Plan – neben mir Erich Kästner. Die meisten von Euch kennen ihn vom Doppelten Lottchen, von den Drei Männern im Schnee oder von Emil und den Detektiven. Ich halte seine Bücher in meiner Hand. Ich spüre seinen Geist und seine Seele hautnah. Er hat die Patenschaft für das übernommen, was nun geschieht. Vor 93 Jahren musste er erleben, wie seine Bücher auf dem Berliner Opernplatz dem Feuer übergeben wurden als Schund- und Schmutzliteratur. Er selbst ist leibhaftiger und anwesender Zeuge gewesen, als Der zweite Rufer dazu aufforderte, den Flammen die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner zu übergeben mit den Worten: „Gegen Dekadenz und moralischen Zerfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat!“ Nein, das waren nicht Beatrix von Storch und Alice Weidel von der AfD, es waren die Statthalter der Nazis – und vor allem deutsche Studenten und deutsche Professoren!

Deshalb übernimmt Erich Kästner heute mit Carl Zuckmayer die Patenschaft für die zweite Ausgabe des Podcast von RedHotChillyJupp. 1932 hat Kästner mit seinem Marschliedchen die Blaupause für den gleich zu hörenden Marsch geschrieben. Das Marschliedchen erschien wenige Monate vor der Machtergreifung der Nazis unter dem Titel: Denn ihr seid dumm in der Weltbühne. RedHotChillyJupp hat es mit einer Einleitung versehen und den 94 Jahre alten Text auf die Gegenwart zugeschnitten.

Gülser Lausbubengeschichte - einspielen

Und nun noch ein paar abschließende Bemerkungen zu der Geschichte hinter der Geschichte, und warum sie ausgerechnet auf dem Gülser Plan spielt:

Vor wenigen Monaten hat sich Moritz Hillesheim, ein Gülser Junge, zum stellvertretenden Vorsitzenden der Generation Deutschland wählen lassen. Das ist die Jugendorganisation der AfD. Er ist seither mit mehreren Interviews in Erscheinung getreten, in denen er sich mehrfach weigert, sich vom sogenannten Vorfeld der AfD zu distanzieren.

Die Vorgeschichte: Bei meiner Recherche zur neu gegründeten Jugendorganisation (Generation Deutschland - GD) der rechtspopulistischen und rechtsextremen Partei Alternative für Deutschland (AfD) - gegründet am 29. November 2025 in Gießen - stieß ich auf einen kurzen Ausschnitt eines Interviews von Simon Thiele mit Moritz Hillesheim (wenn sich das jemand im Wortlaut anhören will, kann er dies über den parallel erscheinenden Beitrag in meinem Blog tun.) In diesem kurzen Ausschnitt bezieht Moritz Hillesheim Stellung zum Verhältnis der Generation Deutschland zu rechtsextremistischen Gruppierungen im sogenannten Vorfeld (namentlich z.B. der Revolte Rheinland). Hillesheim bekennt eindeutig und unmissverständlich im Verlauf des Interviews, dass es keiner Distanzierung zum sogenannten Vorfeld bedürfe:

Im Wortlaut: "Wir distanzieren uns nicht vom Vorfeld. Wir marschieren getrennt, aber schlagen gemeinsam, zusammen, und warum sollten wir uns von Leuten distanzieren, die politisch unsere Interessen teilen, die politisch ähnlich aufgestellt sind, warum sollten wir uns von denen distanzieren. Natürlich sind wir getrennt in der Partei mit dem Vorfeld - selbstverständlich. Aber ich würde sagen, viele Vorfeld-Organisationen handeln in unserem Interesse. Und auch die die Jungs von der Revolte Rheinland, ja ich finde, das sind stabile Jungs, die auch gute Veranstaltungen gemacht haben - wovon soll man sich denn da distanzieren."

Seit Jahren verfolge ich die Radikalisierung der AfD und habe in meinem Blog vielfach dazu Stellung genommen. Wie lässt sich die Entwicklung der AfD von ihren konservativen Gründervätern wie Hans Olaf Henkel, Bernd Lucke, Konrad Adam (auch Alexander Gauland) über Frauke Petry und Jürgen Meuthen hin zu einer in Teilen gesichert rechtsradikalen Partei erklären. In dem Gedicht und dem gleichnamigen Lied Wer wir sind (siehe ganz unten) geht es auch und immer wieder um die Frage, welche Sozialisation, welche Entwicklungen dazu beitragen, dass sich vor allem junge Männer rechtsradikal orientieren und organisieren.

Darauf werde ich in meinem nächsten Podcast eingehen.

Zum Abschluss des heutigen Podcastes geht es um den Gesinnungsgenossen von Moritz Hillesheim, Maximilian Krah. Auch seine Synapsen sind mit einer guten Portion Premiumöl aus Trumps fossilen Ergüssen verklebt – rückwärtsgewandt kräht der Maximilian hier sein düsteres Zukunftslied.

Und auch wenn ich sehr wohl weiß, dass Aufmerksamkeit ein überaus rares Gut ist im Anthropozän, im Zeitalter des Wischens und der Hyperaktivität, gibt es heute noch eine Zugabe:

Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulars stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten. Die Nutzung deines echten Namens ist freiwillig.